1897-1988, geboren in Zürich, gestorben in Ascona
Aus dem „Ferien-Journal“
Nr. 112/2, vom 18. Mai 1968, zum 70. Geburtstag von Lilly Volkart, von Doris Hasenfratz: „Als Lilly
Volkart, Inhaberin des Kinderheims Casa Bianca auf der Collina, im November
ihren 70. Geburtstag feierte, musste der Expressbote den Weg von der Post zum
Kinderheim einige Male zurücklegen, denn es kamen Glückwünsche aus Amerika,
Israel, Italien, Deutschland, Holland, Belgien und aus vielen Orten der
Schweiz. Lilly ist ein Begriff für Geborgenheit, Gerechtigkeit und Liebe
geworden, für echte mütterliche Liebe ohne Überschwang und Heuchelei.
Als ich kürzlich in einer Boutique in Bologna ein Kleid kaufte und von dort
telefonierte: „Bestellen Sie bitte Giorgio herzliche Grüsse von Lilly aus
Ascona“, sagte der Geschäftsinhaber: „Verzeihen Sie, kommen Sie aus Ascona? Sie
sprachen von Lilly, das kann doch nur Lilly vom Kinderheim in Ascona sein. Mein
Bruder und ich waren während des Krieges drei Jahre in ihrem Heim. Noch oft
sprechen wir davon, es war eine herrliche Zeit“.
Ich lernte Lilly 1935 kennen. Als ich damals den grossen wildnisähnlichen Garten betrat, lief mir ein blondes Mädchen in ledernen Knabenhosen entgegen, wie man mir sagte, eine Enkelin der Schriftstellerin Franziska von Reventlow, die Schriftstellerin lebte viele Jahre in Ascona und ist auf dem Friedhof in Locarno begraben. „Lilly ist in der Waschküche“ rief das Mädchen. Ich suchte sie in der Waschküche auf. Da stand sie, eine kleine Frau, mit Zoccoli an den Füssen vor dem Waschtrog und wusch Kinderleibchen, Höschen und Kleidchen. Ein Paar dunkle, warmherzige Augen schauten mich an. Lachend sagte sie: „Ihr müend no e chli warte, gänd in Garte ich chome grad“. Von dieser kleinen Person ging etwas ungemein Gütiges und Überzeigendes aus.
Dieser ersten Begegnung folgten noch viele. Als ich nach längerer Abwesenheit 1942 nach Ascona zurückkehrte, war mein erster Weg zu Lilly. Ich fand sie unverändert, erfüllt von Schaffensdrang und dem Willen zu helfen, erfüllt auch von Sorgen, denn sie hatte meistens mehr nicht zahlende als zahlende Kinder in Obhut. Während dem Krieg kamen dann Flüchtlingskinder aller Nationen in die Schweiz, deutsche, französische, belgische, polnische und viele italienische. Der Aufgabenkreis gegenüber den Vorkriegsjahren vergrösserte sich für Lilly. Ihr Heim wurde dem Schweizerischen Hilfswerk für Emigrantenkinder, Sektion Tessin, unterstellt. Lilly verfügte über eine erstaunliche Kraft, nie wurde ihr eine Arbeit zuviel. In ihrem Urteil über die Kinder war sie unbestechlich, selten hat sie sich geirrt. Wenn bei schwierigen Kindern niemand mehr einen Ausweg sah, so wusste Lilly zu helfen. In ihrem Heim haben christliche Kinder die jüdischen Feste und die jüdischen die christlichen mitgefeiert. Alle Kinder, die in Lillys Heim waren und dann in die weite Welt hinausflatterten, haben etwas mitgetragen: den Geist der Liebe und des guten Willsn, der in Lillys Haus herrscht.
Wohl wären Erneuerungen in Haus und Garten dringend nötig, - aber wer bezahlt es? Das Wirtschaftswunder ist nicht über Lillys Gartenzaun geklettert und wenn wirklich schon einmal Geld gespart werden konnte, kommt es sicher wieder hilfsbedürftigen Kindern zugute.
In der Ferienzeit bekommt Lilly oft Besuch von ehemaligen Pflegkindern. Es kann dann vorkommen, dass ein eleganter Mann wie ein Junge den mit Baumwurzeln überwachsenen und mit Steinen übersäte Zugangsweg zum Haus hinaufhüpft mit beklommenem Herzen läutet und dann vor Lilly steht. Lilly schaut ihm einige Sekunden ins Gesicht: „Ach du bist es Ruedi, ja wie geht es Dir?“ und der grosse elegante junge Mann fällt Lilly um den Hals und sagt: „Ach Lilly, ich hatte solche Angst, es könnte hier alles anders geworden sein. Wie bin ich glücklich, alles so wieder zu finden wie es war, als ich fort gegangen bin.“ Und so findet jeder, der nach Jahren zurückkommt, hier ein Stück seiner Jugend wieder! Und sie kommen und bringen nun die eigenen Kinder it, um ihnen zu zeigen, wo ein Elternteil die Jugend verbracht hat, oft nimmt Lilly die Kinder ihrer „Ehemaligen“ auch in Obhut, wenn die Eltern ungestört Ferien haben wollen. „Ich weiss gar nicht mehr, wie oft ich schon Grossmutter bin, „ pflegt Lilly zu sagen.
Wie ist es heute bei Lilly im Kinderheim? Meistens sind es Schweizer Kinder, manchmal Kinder, die aus gesundheitlichen Gründen einige Zeit im Tessin leben sollen oder auch Kinder mit Kontaktschwierigkeiten. Einmal hatte sie drei chinesische Kinder, die kamen, um deutsch und italienisch zu lernen, da ihr Vater einen Posten als Ingenieur im Bündnerland hatte. Viele Kinder haben bei Lilly eine glückliche Zeit verbracht, denn in ihren Haus herrscht der Geist Pestalozzis.“